
5. Akt: Verführungssalon
Beim vergangenen Verführungssalon hieß es: Lasset euch verführen!
Gemeinsam mit den auserkorenen Vortragenden Max Haberich und Katharina Ferner sprachen wir von Urkräften, die der Kunst der Verführung eigen sind: Mächte, die schon immer tief in den Dingen zu walten scheinen.
Durch Amors Geschick naschten wir von den Früchten des abendlichen Programms, bei dem Max Haberich uns zu den Tugenden der Verführung des Felix Krull vortrug, Katharina Ferner uns rotgeschminkte Lippenbekenntnisse las und die betörende Bea Kovacs uns mit ihrer Sirenenstimme umgarnte.
Tugend der Verführung von Max Haberich
Max Haberich hat das Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Neueren deutschen Literaturwissenschaft in York, Aix-en-Provence und Tübingen vollzogen und danach in Cambridge promoviert. Seit 2014 lebt er in Wien, hat den Autorenkreis Jung Wien 14 gegründet, und ist seit 2021 Verleger und Gründer des Kurzgeschichtenverlags Brot und Spiele. Auch einige Publikationen nennt Max sein Eigen, darunter ist 2017 die Biografie Arthur Schnitzler- Anatom des Fin de Siècle erschienen. 2019 ist Am Abhang der Wind erschienen, 2022 der Roman Glanz und Schatten, 2023 das zynische Wörterbuch diabolische Definitionen.
Auch zu hören ist Max, nämlich bei Audiamo, wo er die Hörbücher Quer durch die Welt, sowie Heilsame Stromstöße veröffentlicht hat
Gibt es eine Tugend der Verführung? Nicht selten hat der letztere Begriff einen leicht
verruchten oder zumindest zweideutigen Unterton. Man denkt als erstes an das Schwachwerden einer hoffentlich leicht bekleideten Dame nach den erfolgreichen Werbungsversuchen eines hoffentlich nicht vollkommen skrupellosen Herren, oder auch an die Verführung eines Volkes durch einen Politiker. Man denkt wohl auch an die kommerziellen Motive gewisser Firmen und Agenturen, unschuldige Kunden dazu zu bringen, Produkte zu kaufen, die sie nicht brauchen.
Auf dieser Ebene der Masse ist Verführung zu Recht kontrovers. Auf der individuellen,
zwischenmenschlichen Ebene jedoch sieht die Sache anders aus.
Einer der erfolgreichsten Verführer aller Zeiten, Casanova, hat, wie er in seinen Memoiren
– eher unbescheidenerweise – immer wieder gesteht, nicht ausschließlich durch sein Äußeres
seine zahllosen Angebeteten herumgekriegt. Guter Körperbau vielleicht nicht, aber doch
stilvolle Kleidung wurde in seinen aristokratischen Kreisen vorausgesetzt. Und er besaß beides.
Sein Erfolg ist jedoch vor allem auf seine sprachliche und geistige Gewandtheit zurückzuführen. Seine Memoiren, die er als Italiener auf Französisch verfasste, belaufen sich auf 1.800 Doppelseiten in der Urfassung, die in Nachdrucken meist sechs bis zwölf Bände füllen. Und neben den erotischen Eskapaden schildert er Begegnungen mit Königen und Päpsten, mit Voltaire ebenso wie mit dem Altertumsforscher Winkelmann, mit Künstlern und Wissenschaftlern, die seine Nähe suchten, kurz: mit der intellektuellen Elite seiner Zeit. Dass in seinem Jahrhundert ganze Karrieren durch gewitzte Unterhaltung an der höfischen Tafel entschieden wurden, verstand der Chevalier de Seingalt, wie er sich auch nannte, nur allzu gut – und seine Damen wussten es ebenfalls sehr zu schätzen.
In diesem Zusammenhang darf Felix Krull nicht unerwähnt bleiben, mit dessen
Bekenntnissen eines Hochstaplers von Thomas Mann wir ins 19. Jahrhundert springen. Auch
Krull ist an eleganter, schöner Sprache viel gelegen, und ihr – abgesehen von seiner
gewinnenden Erscheinung – verdankt er nicht nur seine erotischen Abenteuer, sondern
gleichfalls seinen durchschlagenden gesellschaftlichen Erfolg. So darf er eine Weltreise als Marquis antreten, um einem Freund, der, statt dem Wunschseiner Eltern nachzukommen, bei seiner Geliebten in Paris bleiben will, aus der Patsche zu helfen – und nicht weil er etwa auf die Rangerhöhung oder Reise scharf wäre.
Dass sich solche Angebote aber überhaupt ergeben, und Menschen ihn um dergleichen bitten, ist essentiell krullhaft. Er kommt ihnen in ihrem Wunsch, betrogen zu werden, entgegen – weil sich oft genug für sie auch ein Vorteil daraus ergibt. Er täuscht und betrügt, aber gerade nicht aus Eigennutz, sondern weil die Anderen es sich dank seines vollendeten Benehmens von ihm wünschen.
Krulls Bekenntnisse darf man getrost als eine Feier der bürgerlichen Höflichkeit bezeichnen:
der Umgangsformen und Sprache der gehobenen mittelständischen Kultur seiner Zeit.
Wir sprechen hier von Dingen, die als bürgerliche Tugenden bezeichnet werden, die Felix
Krull jedoch benutzt, um Betrug und Hochstapelei, also Verbrechen zu begehen – aber
charmant. Ist diese Art der Verführung also noch tugendhaft? Wenn sie nicht rein egoistischen
Interessen oder Machtmehrung dient, würde ich mit „ja“ antworten. Schließlich wird er darum
gebeten.
Wie sieht es heute damit aus? Nicht, dass ich selbst irgendwelche Erfahrungen damit hätte,
aber von Freunden höre ich, dass auf der Kopulationsplattform Tinder, zu Deutsch „Zunder“,
betroffene Damen sehr regelmäßig die Selbstbezeichnung „sapiosexuell“ verwenden: Also
sexuelle Anziehung durch das Gehirn eines potenziellen Partners. Und die psychologische
Wissenschaft gibt ihnen recht, denn in Umfragen wird – auch bei Männern! – Sprache,
Schlagfertigkeit und Humor besonders hoch bewertet. Somit ist es das Gehirn mehr als jedes
andere Organ, das uns auch sexuell anzieht.
Auf der Ebene zwischen zwei Menschen scheint die Verführung also tugendhafte Qualitäten
zu besitzen. Aber dieses Entgegenkommen beim Wunsch, betrogen zu werden, ist auch das
Handwerk des geschickten, charismatischen Politikers. Schwarz wird die Verführung, wenn
das Ziel nicht die lebensfrohe, durch und durch ästhetische Pan-Erotik Krulls darstellt, in
anderen Worten: Liebe um der Liebe willen; sondern dem stattdessen ein egoistisches Motiv
zugrundeliegt – etwa Macht. Dann ist Verführung nicht mehr Kunst und Selbstzweck, sondern
als Dienerin einer Absicht untergeordnet, die nicht unbedingt „gut“ oder auf das Gemeinwohl
ausgerichtet ist.
Ob man Verführung guten Gewissens eine Tugend nennen kann, hängt also vom Ziel ab.
Wenn sie als Kunst, um der ihr innewohnenden Ästhetik willen, gefeiert wird, ja – wenn es um
die Schönheit eleganter Umgangsformen oder tugendhaften Handelns geht. Wenn sie benutzt
wird, um die Massen zu becircen, und somit letztlich den egoistischen Zwecken eines
ehrgeizigen, machtorientierten Politikers dient – kann man, je nach Talent, dessen3
Geschicklichkeit darin bewundern. Aber man kann die Verführung dann keine Tugend mehr
nennen. Sie ist zu einem bloßen, untergeordneten Instrument geworden.
In diesem Zusammenhang ist dem Missbrauch der Tugend Tür und Tor geöffnet, wie
Maximilien Robespierre es etwa während der Französischen Revolution formulierte, als auf
sein Urteil hin die Guillotine täglich mit dem Blut unschuldig Hingerichteter geschmiert wurde,
denen es an Begeisterung für den Aufstand fehlte: „So gilt für eine Revolution, daß sich diese
Kraft gleichermaßen aus der Tugend und dem Terror speist: Ohne die Tugend ist der Terror
verderblich und ohne Terror ist die Tugend ohnmächtig. Der Terror ist nichts anderes als die
rasche, strenge und unbeirrbare Justiz. Der Terror ist damit ein Ausfluss der Tugend.“
Soweit Robespierre als Massenmörder und Vorsitzender des Ausschusses für öffentliches
Wohl in seiner Rede vor dem Nationalkonvent am 5. Februar 1794. Keine sechs Monate später
wurde ihm selbst vor einer begeistert johlenden Menge der Kopf vom Rumpf getrennt.
Auch die Tugend in der heutigen Zeit scheint sich wieder in diese Richtung zu bewegen, in
der eine nicht mehr christlich, sondern marxistisch geprägte Minderheit für sich behauptet,
Moral bestimmen zu können, und ohne jede Qualifikation durch Bildung oder
überdurchschnittliche Intelligenz in einem neuen, inoffiziellen „Wohlfahrtsausschuss“
bestimmen zu können meint, was Gerechtigkeit sei.
Aber wir wollen weder ins Politische noch ins Polemische abgleiten. Von Bedeutung für
tugendhaftes Handeln ist meines Erachtens heute wie in der Vergangenheit die Idee der
Schönheit zentral, und ebenso, vielleicht eine Stufe darunter, die Ästhetik hinter guten
Umgangsformen (nicht nur Tischmanieren, sondern auch allgemein in Gesellschaft: gerade in
heiklen Situationen oder mit einem ungehobelten Individuum).
Schönheit war es auch, die Moralphilosophen von Baldassare Castiglione an leitete, dessen
Il Cortegiano (1528), deutsch Der Hofmann, mit seinem Schwerpunkt auf Etikette und Moral
der Höflinge der Renaissancezeit als Gegenstück zu Macchiavellis machtpolitisch orientiertem
Fürst (1532) verstanden werden kann. Zu nennen wären noch das Handorakel und Kunst der
Weltklugheit des Jesuiten Baltasar Graciáns aus dem 17. Jahrhundert, dessen aphoristisch-
scharfsinnige Lebensweisheiten auch heute noch lesenswert sind. Und selbstverständlich auch
Adolph Freiherr von Knigges Über den Umgang mit Menschen (1788), ein Jahr vor dem
Ausbruch der Französischen Revolution erschienen. In seiner ursprünglichen Fassung bot das
Werk mitnichten nur eine Aufzählung von Verhaltensregeln, sondern stellte vielmehr ein
moralphilosophisches Traktat dar, das erst in der stark eingreifenden Bearbeitung des4
Literaturhistorikers Carl Goedecke von 1844 zu dem Synonym des erhobenen Zeigefingers
wurde, den wir heute mit ihm verbinden. Im dem Originaltext Knigges, der erst seit einigen
Jahrzehnten wieder vorliegt, geht es um ein Ideal der Aufklärung: die geistige und
charakterliche Vervollkommnung des Menschen, wie sie in Nietzsches Forderungen ihren
keineswegs rein biologisch bestimmten Gipfelpunkt finden.
Schönheit im Verhalten ist auch das grundsätzliche Konzept der zahllosen Benimmbücher
seit dem 19. Jahrhundert, nicht zuletzt auch mancher philosophischen Ethik seit Aristoteles,
von Denkern wie Epikur um die Frage nach dem Glück des Lebens ergänzt. Schönheit spiegelt
sich in der Höflichkeit wider, einem Grundgedanken europäischen Kulturguts seit dem
Mittelalter. In dieser Zeit ist auch das bestimmende Konzept des Umgangs der Geschlechter bis
ins 20. Jahrhundert hinein zu suchen: die Galanterie.
Heute oft von Feministen als altmodisch belächelt, ist allein die Tatsache, dass sich die
Galanterie und ritterliches Verhalten auch unter Männern, etwa im Kampf, über Jahrhunderte
bewährt hat, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie funktioniert. So stellt sich die Frage, ob die
heute von Aktivisten stets von neuem vorgebrachte Forderung von „Respekt“ für welche
Gruppierungen auch immer, ein echter Ersatz sein können für die Höflichkeit. Denn Respekt
kann man doch eigentlich nur erwarten, wenn man etwas geleistet hat. Und dann sollte es sich
bestenfalls von allein einstellen. Höflichkeit ist das diplomatische zwischenmenschliche
Verhältnis seit höfischen Zeiten, wo man einander mit aller gebotenen, zumindest äußerlichen
Wertschätzung begegnet, die man in einer zivilisierten Gesellschaft erwarten kann. Und diese
Fassade verleiht die Freiheit der Distanz, die vor Zudringlichkeit schützt, und die man, von sich
aus, durch die wärmere Freundlichkeit überwinden kann – sofern man dies selbst möchte.
Lasst uns also in diesem Kreise stets das Schöne im Verhalten anstreben, denn sie ist auch
das Schöne in der täglichen Verführung, die wir auf unser Umfeld ausüben.
Das wiederum kommt uns im Beruf zugute, auf der Suche nach der neuen Wohnung und in unseren Beziehungen – romantisch wie auch freundschaftlich.
Zum Schluss komme noch einmal Giacomo Girolamo Casanova zu Wort:
„Ich habe stets nur unbewusst verführt, weil ich immer selbst der Verführte war.“

Musik
Sängerin Bea Kovacs