
2. Akt: Verenden
Nachdem wir beim ersten Salon eruptiv ausgebrochen waren, gaben wir uns beim zweiten Salon den Modi des Verendens hin und falteten bei Musik von Jozef F. Pjetri und rednerischen Beiträgen von Moritz W. Rothe, Denial Bahtijaragic und Albert Eibl Kaleidoskop an Verendungsbegriffen von Vernichtung über Zerstörung und Verfall sowie Auflösung bis hin zum Vergessen auf. Es hielt wahrlich die Schwermut Einzug in unsere Gemüter, nicht zuletzt durch das Zutun Dyonisos in der Form von Weinen, die von Muck Weingut gesponsert wurden.
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Für die köstliche Weinbegleitung des Abends sorgte
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Über das Patreon des Salons ist ein exklusiver Zugang zur Vortragsrede Moritz W. Rothes Bruder möglich.
Verfall
Denial Bahtijaragic
Der heilige, feierliche Ernst der Trauer und die vollkommene Erhabenheit der Sprache zeichnen die poetische Beschäftigung des Dichters Gottfried Benn mit dem Thema des Todes, der Endlichkeit und des notwendigerweise, vorangehenden Verfalls, aus. Das Objekt seiner Schilderung ist sowohl der einzelne, leidende Mensch, das lyrische Ich, welches von der Agonie umfasst und umwebt wird, aber ebenso moribunde Völker und Kulturen.
Verfeinerung, Abstieg, Trauer -
Wüten der Natur.
der Völker, der Siegesschauer
folgt eine andere Spur:
Verwerfen von Siegen und Thronen,
die große Szene am Nil,
wo der Feldherr der Pharaonen
den Liedern der Sklavin verfiel.
( Valse Triste)
Wenn erst die Rosen verrinnen
aus Vasen oder vom Strauch
und ihr Entblättern beginnen,
fallen die Tränen auch.
Traum von der Stunden Dauer,
Wechsel und Wiederbeginn,
Traum – vor der Tiefe der Trauer:
blättern die Rosen hin.
(Rosen)
Du füllst mich an wie Blut die frische Wunde
Und rinnst hernieder seine dunkle Spur.
Du dehnst dich aus wie Nacht in jeder Stunde
Da sich die Matte färbt zur Schattenflur.
Du blühst wie Rosen schwer in Gärten allen,
Du Einsamkeit aus Alter und Verlust
Du Überleben wenn die Träume fallen,
zuviel gelitten und zuviel gewußt.
(Abschied)
Jedes Mal, wenn ich diese oder ähnliche Verse lese, fühle ich eine appolinische Begeisterung für die Schönheit des Verfalls, Schönheit der Trauer und ich fühle, dass Verfall und Tod notwendig sind. Die scharfen Konturen müssen ja schließlich im Dämmerlicht verschwimmen. Im Zwielicht verschwinden ja alle Konturen und die Mittagssonne kann nicht ewig dauern, nicht ewig währen. Ich besinne mich dann jedoch geschwind der Tatsache, dass ich auch ein Menschenantlitz trage und sinne über meinen Verfall, sinne über meinen Tod. In solchen Augenblicken stockt mir der Atem in animalischer Angst, während sich meine aussichtslosen Blicke suchend im Dunkeln verfangen. Arthur Schopenhauer sagt:
Alle Dinge sind herrlich zu SEHN, aber schrecklich zu SEYN.
Thomas Mann schreibt in den Buddenbrooks über den Verfall einer Familie:
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"Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt: In die fernen Fieberträume, in die glühende Verlorenheit des Keanken wird das Lebenhineinrufen mit unverkennbarer, ermunternder Stimme. Hart und frisch wird diese Stimme den Geist auf dem fremden, heißen Wege erreichen, auf dem er vorwärts wandelt, und der in den Schatten, die Kühle, den Frieden führt. Aufhorchend wird der Mensch diese helle, muntere, ein wenig höhnhische Manhnung zur Umkehrt und Rückkehr vernehmen, die aus jener Gegend zu ihm dringt, die er so weit zurückgelassen und schon vergessen hatte. Wallt es dann auf in ihm, wie ein Gefühl der feigen Pflichtversäumnis, der Scham der erneuten Energie, des Mutes und der Freude, der Liebe und Zugehörigkeit zu dem spöttischen, bunten und brutalen Getriebe, das er im Rücken gelassen: wie weit er auch auf dem fremden, heißen Pfade fortgeirrt sein mag, er wird umkehren und leben. Aber zuckt er zusammen vor Furcht und Abneugung bei der Stimme des Lebens, die er vernimmt, bewirkt diese Erneuerung, dieser lustige, herausfordernde Laut, dass er den Kopf schüttelt und in Abwehr die Hand hinter sich streckt und sich vorwärts flüchtet auf dem Wege, der sich ihm zum Entrinnen eröffnet hat...nein, es ist klar, dann wird er sterben."
(Thomas Mann: Buddenbrooks)
Hanno stirbt und mit ihm das Vermächtnis seiner Ahnen. Das Vermächtnis des robusten Händlers
und Staatsmannes Johann Buddenbrook des Älteren und ebenso des Senator Thomas Buddenbrook, welcher versucht. trotz allem sich zu wappnen gegen den Verfall, zu wappnen mit eiserner Disziplin und mit Westen, Beinkleidern und Krawatten. Doch er beginnt zu weinen, heiße Tränen rinnen in seine weißen Kissen, als er Schopenhauers "Tod und die Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich" liest – "Ich werde leben" sagt er und meint nicht seine Nachkommenschaft, sondern das Weiterleben im Willen, im Genus, vereint und namenlos. Schließlich Hanno, der zu seinem Freund Kai sagt:
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"wäre so dankbar dafür!...Ich habe so vielerlei Sorgen, und alles fällt mir so schwer. Nehmen wir an, ich schneide mich in den FInger, tue mir irgendwo weh... es ist eine Wunde, die bei einem anderen in acht Tagen geheilt wäre. Bei mir dauert es vier Wochen. Es will nicht heilen, es entzündet sich, es wird schlimm und macht mir unmäßige Beschwerden... Neulich sagte mir Herr Brecht, um meine Zähne sähe es jämmerlich aus, fast alle seien schon unterminiert und verbraucht, nicht zu reden von denen, die ausgezogen sind. So steht es jetzt. Und womit werde ich beißen, wenn ich dreißig, vierzig Jahre alt bin? Ich habe gar keine Hoffnung..."
(Thomas Mann: Buddenbrooks)
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Verfeinerung, Abstieg, Trauer – sagt der Dichter und der Philosph sagt: Alle Dinge sind herrlich zu SEHN, aber schrecklich zu SEYN.
Lässt sich diese Dichotomie zwischen dem schönen All, welches wir betrachten dürfen und dem Leid des Seins, welches wir erdulden müssen irgendiwe auflösen und in Einklang bringen?
In meiner Erzählung "Samoa" sieht der Protagonist in einer Vision seinen eigenen Tod und findet sich dadurch auch mit seiner Endlichkeit ab – er akzeptiert, wie einst Gilgamesch, dass er ein Mensch ist und sterben muss.
* * *
Bevor aber mein Leben endet, werde ich atmen und schauen und herumirren und sinnen und Gespräche führen und alt werden. Ich werde schreiten und die Sterne beobachten, den Orion im Winter und Antares im Sommer. Ich werde die Augen schließen und mir vorstellen, ich wäre auf einem Schiff im fernen Ozean und würde Canopus sehen und dann auch das Kreuz des Südens. Auf den Küsten sähe ich Tapire und Okapis unter den Palmblättern des Urwalds. Sie würden mich anschauen mit den verlorenen Blicken ihrer verängstigten Augen und ich würde still zu mir selbst sagen: "Meine Augen sind nicht minder erfüllt von Angst, doch in uns allen ist die Sternennacht."
Eines Tages werde ich dann einen Spaziergang machen. Ich werde auf der Simmeringer Hauptstrasse gehen und sie wird voller Menschen sein und ich werde mir denken: "Du musst Dich beeilen zum Zentralfriedhof. Antares ist bereits aufgegangen und funkelt rot am Nachthimmel!"
Dann werde ich sterben.
Ich werde sterben und namenlos in Allem wieder auferstehen.

Musik
Komponist und Pianist Jozef F. Pjetri
Der Komponist und Pianist Jozef F. Pjetri spielte für uns J. S. Bach, F. Liszt, sowie A. Piazzolla
